Seelsorge im Knast: Jeder Mensch ist zu jeder Tat fähig

thumb_1jvawitt1105klDIEZ/RHEIN-LAHN. "Ein Mensch ist immer mehr als das, was in seiner Strafakte steht." Das sagt einer, der mehr als die Hälfte seines Berufslebens mit Gewaltverbrechern verbracht hat: Pfarrer Hartmut Witt, evangelischer Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Diez. Eingangsschleusen, Kontrollen und massive Gittertüren musste Hartmut Witt in den vergangenen 21 Jahren jeden Tag überwinden, um zu seinem Arbeitsplatz zu kommen.

Der evangelische Gefängnisseelsorger Hartmut Witt war in Diez nicht nur mittendrin in einem Hochsicherheitstrakt, er kam auch mitten hinein in die Seelen vieler Gefangenen, die dort in aller Regel lange Haftstrafen verbüßen.

„In einer Kirchengemeinde dauert es eine gewisse Zeit, bis die Menschen Vertrauen fassen und ihre Masken ablegen können“, weiß Witt, der vor seiner Arbeit im Knast 16 Jahre als Gemeindepfarrer im hessischen Schlitz und in Bad Endbach (Kreis Marburg-Biedenkopf) tätig war. Da könne es oft lange dauern, bis die Menschen über Konflikte, die ihnen zu schaffen machen, oder über Eheprobleme reden können. „Hier drin trägt niemand eine Maske. Er braucht nichts zu verbergen und weiß, dass alles, was hier besprochen wird, auch in diesem Raum bleibt“, schätzt Witt das Vorschuss-Vertrauen, das ihm von den Gefangenen in seiner Funktion entgegengebracht wird. Den Grundstein dazu haben oft andere Pfarrer gelegt. „Wir sind die Einzigen in diesem Haus, die schweigen müssen.“

Wie nötig die Anstaltsseelsorge ist, zeigt die Beratungszahl von acht bis zwölf Personen am Tag. Es geht um Beziehungsprobleme, die Auseinandersetzung mit Tat und Urteil, die Frage, wie geht es zurück ins Leben, was machen Frau und Kinder und wo kommt Orientierung her. Die rund 600 Häftlinge in der JVA Diez wissen: Der Pfarrer bemüht sich um Hilfe. Ob er ein vertrauliches Gespräch mit dem Ehepartner unter sechs Augen organisiert - oder vielleicht nur ein Päckchen Tabak ausleiht.

Amtskollegen dürften ihn um seine 80 bis 120 Gottesdienst-Besucher (nur 360 haben dafür eine Erlaubnis) am Sonntagmorgen um 8.45 Uhr beneiden. Nicht jeder mag nur wegen Gottes Wort kommen, aber Witt merkt auch in den Gesprächen, dass die meisten Gefangenen schon sehr genau hinhören, wenn er in seinen Predigten versucht, deren Lebenswirklichkeit in Verbindung mit dem Evangelium zu bringen. Bei den Gottesdiensten wechselt er sich mit dem katholischen Amtskollegen ab.

Glaube und Konfession spielen für den Dienst der beiden Geistlichen allerdings keine Rolle. Entscheidend sei, dass die Gefangenen ihm selbst abspürten, dass er hinter dem steht, was er sagt. „Sie spüren auch, dass wir mit einer positiven emotionalen Zuwendung für sie da sind.“

Drei evangelische Gesprächskreise hat Witt ins Leben gerufen, die jede Woche von mehr als 30 Gefangenen gern angenommen werden. Auch eine Schachgruppe hat er im Knast gegründet und seine erst in diesem Jahr verstorbene Frau Inge gründete eine Töpfergruppe. Neben den Gefangenen ist sein seelsorgerischer Beistand auch immer wieder bei den Justizvollzugsbeamten gefragt. „Die sind hier schon einer erheblichen Belastung ausgesetzt, die man nicht einfach ablegt, wenn man durch das Gefängnistor nach Hause geht.“

Räuber, Mörder, Kinderschänder – dass er sich um Menschen kümmert, die in der Gesellschaft verachtet werden, deren Opfer gar von seinen Amtskollegen beerdigt wurden, ist Witt durchaus bewusst. „Jeder Mensch ist zu jeder Tat fähig“, ist Witt überzeugt. „Wenn er sie nicht tut, ist das nicht sein Verdienst, sondern Bewahrung.“ Elternhaus, Erzieher und das gesamte Umfeld der Kindheit könne sich niemand aussuchen. Hier lägen oft die Ursachen, die später zur Straftat führen. „Das entlastet nicht von der Verantwortung für die Tat, aber es bewahrt mich davor, mich über den Menschen zu erheben.“

Die schönsten Früchte seiner Arbeit sind Briefe, in denen ehemalige Gefangene ihm berichten, dass sie wieder durchatmen können, wieder im Leben zurecht kommen; oder der Moment, als ein Ehemaliger sonntagmittags mit seiner Familie vor seinem Privathaus stand, um ihm stolz zu zeigen, dass er es geschafft und jetzt eine eigene Familie hat.

In der kommenden Woche wird auch Witt „entlassen“ – in den wohl verdienten Ruhestand. Dann bleibt vielleicht auch wieder mehr Zeit für die Hobbies – Schach und Schwimmen. Und wenn er jetzt das Büro für seinen Nachfolger räumt, fällt ihm auch ein Spruch von Eugen Roth in die Hände, der zwei Jahrzehnte die Wand zierte: „Ein Mensch ist manchmal wie verwandelt, sobald man menschlich ihn behandelt.“ (bcm)

Bildunterzeile: Pfarrer Hartmut Witt ist als Gefängnisseelsorger in der JVA Diez wichtige Vertrauensperson für Gefangene, deren Angehörige und die Bediensteten. Foto: Bernd-Christoph Matern