Christentum als gemeinsame Identität für Europa des Friedens Drucken E-Mail

thumb_1a-qve130318vh_fotodnlmetzmacherNASSAU/RHEIN-LAHN. (27. März 2018) Befindet sich die Europäische Union in der Krise? Bedrohen nationalistische Tendenzen den Frieden auf dem Kontinent? Und welche Rolle spielt das Christentum für ein geeinigtes Europa? Diese und andere Fragen waren Thema beim „Talk im Keller“ der Ökumene im Nassauer Land im Günter-Leifheit-Kulturhaus in Nassau.

"Quo vadis Europa?“, fragten sich die Gäste um Moderator Bernd-Christoph Matern, Journalist und Referent für Öffentlichkeitsarbeit des evangelischen Dekanats Nassauer Land. Dieser begrüßte Matthias Lammert (CDU), Josef Winkler (Bündnis 90/ Die Grünen) sowie Dr. Hansjörg Schmitt, Mitbegründer der europäischen Bewegung „Pulse of Europe“, auf dem Podium – eine spannende Talkrunde mit einem optimistischen Blick in die Zukunft.

Gemeinsam mit anderen Europa-Befürwortern gründete Dr. Hansjörg Schmitt im Nachgang der Brexit-Entscheidung und der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA die Bürgerinitiative „Pulse of Europe“ in Frankfurt am Main. Das Ziel: Mobilisieren für Europa. „Was uns gestört hat, war der massive Europa-Pessimismus – dem wollten wir etwas entgegensetzen“, erklärt Schmitt, „Die Europäische Union ist ein sensationeller Erfolg – das dürfen wir nicht vergessen. Im Gegenteil: Wir müssen uns immer neu dafür einsetzen“, hielt Schmitt ein flammendes Plädoyer für Europa als einer den Frieden garantierenden Einheit. Schmitt fehlt es an identitätsstiftenden Elementen in der Europäischen Union wie etwa einem Feiertag. Er meint: „Europa darf nicht scheitern!“

„Zur Feier der größten Erweiterung der Europäischen Union im Jahre 2004 war ich am Brandenburger Tor in Berlin“, erzählt Josef Winkler, damaliger Bundestagesabgeordneter und seit Ende 2016 Landesvorsitzender von Bündnis 90/ Die Grünen in Rheinland-Pfalz. „Menschen aus der ganzen Welt kamen damals zusammen, um die Europäische Idee zu feiern – das werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“ Die Europäische Union sei mehr als eine Wirtschaftsgemeinschaft, sondern ein beispielloses Friedensprojekt, betont Winkler, „das ist einmalig in der Geschichte Europas.“ Doch die Situation auf dem Kontinent sei nicht nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ stellt der Politiker klar, das aber sei bei solch unterschiedlichen Kulturen in Europa kein Wunder.

thumb_1a-qve130318pod_fotodnlmetzmacherMatthias Lammert, Innenpolitscher Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, ist ebenfalls Europa-Fan: „Schon als kleiner Junge hat mich die Geschichte Europas bewegt – wir existieren durch die Europäische Union seit Jahrzehnten friedlich nebeneinander, das beeindruckt mich zutiefst.“ So ist Lammert neben seiner landespolitischen Tätigkeit Vorstandsmitglied im Kreisverband der überparteilichen Europa-Union. Grundsätzlich sieht er die Europäische Union auf einem guten Weg, doch in Zeiten von Staaten mit starken Einzelinteressen wie Amerika, Russland und China müsse sich „Europa zusammenschließen und seine Interessen mit Selbstbewusstsein nach außen vertreten.“

Matern sieht angesichts nationalstaatlicher und sogar nationalistischer Tendenzen und Abschottungspolitik auch klare Zeichen gegen ein geeintes Europa. Viele hätten Angst, dass die eigenen Interessen zu kurz kommen. Daher fragt der Moderator seine Gäste: „Was verbindet eigentlich die Europäer?“ Winkler nennt die gemeinsame Währung: „Der Euro ist ein verbindendes Element und gerade für Reisende ein großer Vorteil – das erleichtert vieles.“ Schmitt meint, eine Identitätsstiftung sei in der Vergangenheit versäumt worden. Doch glaubt er: „Die junge Generation sieht Europa als Selbstverständlichkeit an – viele begreifen sich als Europäer.“ Die Unterschiede zwischen den Kulturen sollten die Menschen zu schätzen wissen und nicht trennen, sondern vielmehr verbinden. Und welche Rolle spielt das Christentum für eine europäische Identität? „

Die Grundlage für die Europäischen Werte finden sich im christlichen Glauben“, sagt Lammert und verweist auf die Geschichte: Martin Luther hat vom europäischen Kontinent aus den christlichen Glauben reformiert, zudem ist der Vatikan in Europa. „Die Europäische Union muss ein wichtiges Projekt für jeden Christen sein“, betont Schmitt und nennt als Gründe die Nächstenliebe, die Solidarität im Miteinander sowie den Frieden. Winkler bestärkt: „Die Kirchen müssen der Europäischen Union zugewandt sein“, er hält sich dabei an Papst Franziskus, der es als Auftrag für jeden Christen begreift, „Europa wieder eine Seele zu geben.“

Schmitt sieht in den „Pulse of Europe“-Kundgebungen gar Gemeinsamkeiten zu Gottesdiensten: „Diese Treffen finden immer sonntags statt, dauern rund eine Stunde und gegen Ende geben wir uns ein Zeichen der Solidarität – warum funktioniert das bei uns und nicht mehr in den Kirchen?“ So sind sich die Gesprächspartner zwar einig, dass das Christentum wertebildend für die Europäische Union war und noch immer ist, doch die Frage bleibt unbeantwortet, ob das für eine Identitätsstiftung auf Basis des christlichen Glaubens reicht. Denn „die Bindungskraft der Kirchen in Europa nimmt ab“, stellt auch Lammert fest.

Im Verlauf des gut eineinhalb stündigen Gesprächs mit anschließender Diskussionsrunde werden noch zahlreiche andere Themen angesprochen – auch die Besucher beteiligen sich rege mit Fragen und Stellungnahmen. Der Eindruck, der aber insgesamt vom Talk bleibt, ist ein starker Optimismus bei den Gästen für ein auch in Zukunft geeintes und friedliches Europa. David Metzmacher

Zum Foto:
Sehen Europa nicht nur als ökonomisches Gebilde, sondern vor allem als Friedensmodell, für das sich auch die christlichen Kirchen stark machen müssen (von links): Matthias Lammert, innenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Dr. Hansjörg Schmitt, Mitbegründer der Bürgerbewegung „Pulse of Europe“, Moderator Bernd-Christoph Matern und Josef Winkler, Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen. Fotos: Metzmacher

Pulse of Europe ausgezeichnet

thumb_1-2018_03_14_bdzv_brgerpreisthumb_1logopoeMit dem Bürgerpreis des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) wurden die Gründer der Bürgerbewegung Pulse of Europe in diesem Monat ausgezeichnet. Sabine und Dr. Daniel Röder aus Frankfurt nahmen in Berlin den Preis aus den Händen des nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet und BDZV-Präsident Matthias Döpfner entgegen. Die aus 259 Chefredakteuren bestehende Jury würdigte damit die europäische Idee der Bewegung, die von Frankfurt aus in hunderten deutscher und europäischer Städte Menschen regelmäßig zu Demonstrationen für Europa bewegt statt bequem auf dem Sofa zu sitzen. „Die großen Veränderungen in der Welt beginnen oft mit wenigen Menschen, die zum richtigen Zeitpunkt das Richtige machen“, erklärte Laschet in seiner Laudatio.  Foto: BDZV