Diskussion in Freiendiez: Wenn Gott tot ist muss er zuvor gelebt haben Drucken E-Mail

thumb_1a-eaagit04-18c-dolke_becrima-thumb_1wiestellenwirunsgott-co_becrimaDIEZ-FREIENDIEZ/RHEIN-LAHN. (25. April 2018) „Für mich ist Gott tot!“, lautete die provokante These, unter der die regionale evangelische Ehrenamtsakademie Rhein-Lahn zu einem Gesprächsabend mit Pfarrer Christian Dolke, stellvertretender Dekan des Dekanats Nassauer Land, nach Diez-Freiendiez eingeladen hatte. Gläubige unterschiedlicher Prägung, Zweifler, Agnostiker und Atheisten konnte Akademie-Leiterin Claire Metzmacher begrüßen, um über Gottesbilder, Humanismus und Glaube zu diskutieren.

Das Motto relativierte Dolke gleich zu Beginn, denn die Voraussetzung dafür, dass Gott tot ist, sei ja, dass er gelebt hat. Grundsätzliche Fragen zur Existenz eines Gottes sollten in den Fokus gerückt werden, die in der hitzigen Debatte um Islamismus und Terror oft auf der Strecke blieben. Ein erstes Ergebnis des Abends: Es blieb friedlich im evangelischen Gemeindehaus. Ganz im Gegensatz zu den Diskussionen, die derzeit im Internet in manchen Blogs über Glaube und Religionen geführt werden, die Dolke auch zum Themenabend animierten: „Wir werden permanent gefordert in der Frage ,Wie hältst du es mit Religion und Glaube?'“.

Austausch von Anfeindungen

Im Internet driftet die Auseinandersetzung meistens vom Austausch von Argumenten ab ins Austeilen von Aggressionen und Anfeindungen. Eher harmlosere Beispiele dafür hatte Dolke zu Beginn des Abends an die Anwesenden ausgeteilt; Kommentare über Glaube, Religion und Kirche, die er auf Zeit-online gefunden hatte und die als Anregung für das Gespräch dienten.

Zuvor hatte der Theologe an philosophische Überlegungen aus vergangenen Jahrhunderten zu einer Existenz Gottes erinnert. Das reichte von Xenophanes, der schon 500 vor Christus aufklärerisch meinte „ihr macht euch Gott selbst“ über Ludwig Feuerbachs Projektionstheorie im 19. Jahrhundert „Was ihr nicht haben könnt, projiziert ihr in Gott“, bis hin zum berühmten Satz von Karl Marx, dass Religion das Opium des Volkes sei. Ein Gemälde von Ernst Kahl, in dem Jesus Lenin seine Wundmale zeigt, weil der ihn auffordert „Beweis es doch mal“, war Dolkes Motivation für den Abend: „Die beiden Protagonisten sehen ja ganz sympathisch aus und das Bild hat warme Farben.“

Die Bilder von Gott

Trotzdem prallten auch in Freiendiez gegensätzliche Welt- und Glaubensanschauungen aufeinander. Hier der Atheist, der Gott weder leugnen noch beweisen kann und will und dann doch noch augenzwinkernd hinzufügt „und wenn es ihn wirklich gibt, wird er mir hoffentlich verzeihen“. Dort der erst spät Bekehrte, dem auch von Jesus überlieferte Wunder- und Heilsgeschichten kein Rätsel bleiben, die aber wiederum von anderen als religiöse Propaganda ihrer Zeit oder als Symbol der Gottesverehrung ausgelegt werden können. Und schließlich der Agnostiker, der sich seines Zweifels über die Existenz eines Gottes durchaus bewusst ist.

Unter anderem skizzierten die Teilnehmer ihre Gottesbilder; ein personifizierter mit weißem Bart etwa, der gütig oder strafend sein kann. Ein Anderer verwies aufs zweite der zehn Gebote, sich kein Bildnis von Gott machen zu dürfen. Und Gott wurde als abstrakte Macht beschrieben, die die Welt mit all ihren auch naturwissenschaftlichen Gesetzen geschaffen hat, weshalb Naturwissenschaftler durchaus an einen Gott glauben können.

Gott als moralischer Kompass

Immer wieder klangen mehrere Ebenen an, sichtbare, unsichtbare und spürbare. „Wer sich vom Boden des Erfahrbaren löst, kann keine erfahrbaren Argumente einbeziehen“, so der Atheist. Anders ausgedrückt: Wer Gott beweisen kann, muss nicht mehr an ihn glauben. „Wir sind als Mensch auch ein bisschen Gott und müssten mehr Verantwortung übernehmen“, hieß es in einer anderen Wortmeldung. Nur gestreift wurde die Bedeutung von Christus als Gottes Sohn. „Wäre er heute vielleicht sogar ein Gefährder, weil er das bestehende System in Frage stellt?“, wurde da gefragt.

Unstrittig an den Tischen: Gott dient als gut funktionierender moralischer Kompass für den Mensch. Ob der Grund fürs moralische Gewissen und Tun in jedem Menschen aber einem Gott zu verdanken ist oder ob es nur eine „regulative Idee“ ist, wie es Immanuel Kant formulierte, der natürlich auch mit seinem kategorischen Imperativ nicht unerwähnt blieb, konnte und sollte an diesem Abend nicht beantwortet werden. Christian Dolke selbst verglich Gott zum Abschluss mit einem Vater, der seine Kinder zwar liebt, aber nicht überall sein kann, wenn sie sich einmal verletzen oder von anderen verletzt werden; der für sie aber ein sicherer Zufluchtsort ist, um getröstet zu werden.

Dass der Austausch „unter so verschiedenen Kalibern“ nicht verletzend verlief und friedlich blieb, war der Disziplin der Anwesenden und nicht zuletzt der behutsamen Moderation Dolkes zu verdanken und ein wohltuendes Beispiel dafür, dass es keiner Hate-Kommentare oder Shitstorms bedarf, um unterschiedlichen Überzeugungen ein Forum zum Diskutieren zu bieten.

Wiederholung in Nastätten

Wer in Freiendiez nicht dabei sein konnte: Der Diskussionsabend „Für mich ist Gott tot“ wird noch einmal angeboten am Freitag, 25. Mai um 19 Uhr im Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde Nastätten. Bernd-Christoph Matern

Mehr Informationen bei der regionalen Ehrenamtsakademie Rhein-Lahn, Bildungsreferentin Claire Metzmacher, die sich über eine Anmeldung freuen würde unter Telefon 02603-5099244, E-Mail Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

Zum Foto:
Der stellvertretende Christian Dolke sorgte für eine kontroverse, aber freundliche und faire Diskussion über die Existenz eines Gottes. Fotos: Matern