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DIEZ. (8. April 2011) „Kann denn Pilgern Sünde sein?“ Mit dieser provokanten Frage begrüßte Dekan Christian Dolke die Besucher im Diezer Haus Eberhard. Dort ist bis zum 20. April die Ausstellung „Auf dem Jakobsweg“ zu sehen, in der Pilger etwa zwei Dutzend ihrer Lieblingsfotos von Jakobsrouten in Deutschland, Schweiz und Spanien zeigen und Symbole und Schautafeln Denkanstöße für den Sinn des Pilgerns liefern.
Viele Männer hätten im Mittelalter das Pilgern als Fluchtmöglichkeit vor den Frondiensten genutzt, während sie Frau und Kinder zuhause zurückließen, erklärte Dolke zur Eröffnung der Schau. Gleichzeitig erinnerte der Dekan an die Reformation, die das Pilgern verurteilte, dienten die beschwerlichen und gefährlichen Wanderungen doch dem schlechten Gewissen, um vor Gott wieder angesehen zu sein. „Das Pilgern sollen die Christen bleiben lassen!“, sagte der Mönch und Reformator Martin Luther.
In den vergangenen zehn bis 20 Jahren habe das Pilgern auch unter evangelischen Christen eine Renaissance erfahren, so Dolke, „und es geschieht hoffentlich nicht mehr aus Angst vor Gott oder Fluchtgedanken vor Mann oder Frau“, so der Dekan. Der Grund fürs Pilgern sei ausschlaggebend. Sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen, dem diene die Ausstellung.
„Warum pilgere ich, was suche ich?“ Für Antworten auf diese Fragen lieferte auch der Initiator der Schau, Matthias Metzmacher, Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung der evangelischen Kirche Rhein-Lahn, Denkanstöße. Er stellte den Gästen der Vernissage sieben Symbole des Pilgerns vor.
Der Stab, der Halt gibt, der Hut, der vor Regen wie Sonne schützt; ein Rucksack, der ans Teilen erinnert, ein Mantel, der für die Qualität des Schweigens beim Pilgern spricht; das Kreuz als Zeichen für das Ziel des Weges, die Wanderschuhe als Sinnbild der Langsamkeit, „der Entschleunigung, nach der sich heute viele Menschen sehnen“; und schließlich ein Zelt, das die bescheidene Lebensweise des Pilgers ausdrückt und „mit der Frage konfrontiert, was in unserem Leben wirklich wichtig ist“, so Metzmacher. „Leere Hände können etwas empfangen; vielleicht sind unsere oft viel zu gut gefüllt.“
Die Wände des Hauses Eberhard schmücken Fotografien von Rainer Unholz, Wolfgang Steller, Sabine Siemer und Gottfried Mallon, die mit ihren Lieblingsmotiven des Camino del Norte, Camino Francés, des Pfälzer und des Fränkisch-Schwäbischen Jakobsweges Lust wecken, sich selbst einmal auf Wanderschaft zu begeben.
Ganz andere Gründe für die Wallfahrt hatten die drei Protagonisten des Spielfilms „Pilgern auf Französisch“, der zum Ausstellungsstart gezeigt wurde. Den ungläubigen, verfeindeten und ungeübten Geschwistern geht es nämlich um ein fettes Erbe; doch die Schweiß treibende Tortur schweißt zusammen. Ein sehr amüsanter Einstieg in die Ausstellung, die mit von Hans A. Walter aus Dausenau zubereiteten Tapas, also kleinen spanischen Snacks, auch kulinarisch das Thema aufgriff.
Matthias Metzmacher dankte der Stadt Diez für die Bereitstellung der Räume und der evangelischen Stiftskirchengemeinde, die Mitveranstalter der Ausstellung ist. Im Rahmen der Schau gibt es folgende zwei Themenabende:
„Der Jakobsweg und Pilgerwege im Rhein-Lahn-Kreis“ ist ein Vortrag am Mittwoch, 13. April um 19 Uhr mit Franz-Josef Höflich überschrieben. Der Pilgerbeauftragte der St. Jakobus-Gesellschaft wird den Zuhörern Interessantes über die unterschiedlichen Wege in nah und fern erzählen und was es dabei wo zu erleben und zu beachten gibt. Außerdem hat Höflich einige Buchtipps für die Besucher parat.
„Wir sind dann mal (wieder) weg... - Etappenpilgern auf dem Lahn- und Moselcamino“ heißt es am Mittwoch, 20. April um 19 Uhr. Pfarrer Ingo Lüderitz berichtet mit einem Bildervortrag über die Pilgerwege an den beiden Flüssen, die eine Gruppe der Gemeinde bereits selbst zurückgelegt hat. Bernd-Christoph Matern
Geöffnet ist die Ausstellung von Donnerstag bis Samstag von 15 bis 17 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr sowie für Führungen nach Vereinbarung. Nähere Informationen unter Telefon 06772/962364 oder 06432/3269.
Matthias Metzmacher und Hans A. Walter beim Aufbau der Ausstellung im Haus Eberhard. Fotos: Bernd-Christoph Matern
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