In Bad Ems und Nassau ?ffnete Kunst Sinne f?r Demenz Drucken E-Mail

thumb_1a-berndbrachkissenBAD EMS/NASSAU. (28. Februar 2011) „Kunst trotz(t) Demenz“ war eine Ausstellung überschrieben, die in den vergangenen zwei Wochen im Künstlerhaus „Schloß Balmoral“ sowie der evangelischen Johanniskirche Nassau zu sehen war. Begleitet wurde sie von einem attraktiven Rahmenprogramm zum Thema. Wer Angehörige hat, die an der Altersveränderung erkrankt sind, dem bieten Selbsthilfegruppen in der Region das ganze Jahr über Möglichkeiten sich auszutauschen und Hilfe zu finden.

Lieder und Texte unter dem Motto „Erinnern und Vergessen“ zogen viele Besucher bereits in der ersten Ausstellungswoche ins Künstlerhaus. Sopranistin Manuela Kühnau aus Nassau, Dekanatskantor Ingo Thrun am Flügel und Moderator Stefan Hauser lieferten dabei eine ebenso stimmungsvolle wie zum Nachdenken anregende Vorstellung, thumb_1a-ktderinnerninwortundmusik11die mit Robert Schumanns „Erinnerung“ begann.

Stefan Hauser, Mitarbeiter des Pflegestützpunktes Bad Ems und Vertreter des Demenz-Netzwerkes, das die Ausstellung mit organisiert hat, wies darauf hin, dass Demenz immer noch ein Schreckgespenst sei, obwohl es für die Alterserkrankung bereits im 2. Jahrhundert schriftliche Nachweise gibt. An diesem Nachmittag näherten sich die Besucher der Erkrankung auf eine ganz andere künstlerische und sehr empfindsame Weise. Werke von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Wolfgang Amadeus Mozart und Lieder von Franz Schubert standen auf dem Programm.

Die beiden Musiker verstanden es dabei perfekt, den gesprochenen Gedanken und den Liedtexten Ausdruck zu verleihen und damit auch immer wieder den seelischen Zustand und und dessen Entwicklung von Patienten und Angehörigen widerzuspiegeln. „Immer geht es bei den verschiedenen Formen von Demenz um Trauer und Abschied – nicht körperlich, aber geistig – nämlich um den Abschied von geistigen Fähigkeiten und die damit zwangsläufig auch verbundene Trauer“, erläuterte Hauser zum ersten Konzertblock. Lesungen aus Briefen, Gedichten und Erzählungen dienten als sinnige Überleitungen zwischen den musikalischen Beiträgen.

thumb_1a-berndbrachzuckerwuerfelthumb_1a-witwer-anspannungAuch Volkslieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder „Im schönsten Wiesengrunde“ fehlten in dem musikalisch-literarischen Reigen nicht, spielen sie doch gerade in der Beschäftigung mit Dementen eine wichtige, belebende Rolle. Das bekannte „Die Gedanken sind frei“ erinnerte daran, dass niemand die Gedanken auch von Menschen mit Demenz einsperren kann. „Vergleichbar einem blinden Menschen, der seine anderen – intakten – Sinne um ein vielfaches verfeinert, verfeinern Menschen mit einer Demenz etwa das Gefühl“, verglich Hauser. Mozarts „Sehnsucht nach dem Frühling“ und Gedanken von Josef Beuys, von dem ebenfalls Werke in der Ausstellung zu sehen waren, warfen einen hoffnungsvollen Blick nach vorn. Hauser: „Wir sind gefordert, einmal genauer hinzusehen und zu erspüren, welche Fähigkeiten noch in unseren an Demenz erkrankten Angehörigen oder Freunden schlummern.“

Einen künstlerischen Zugang lieferte sowohl der musikalisch-literarische Nachmittag als auch die gesamte beeindruckende Ausstellung.

„Stiften tut gut“

NASSAU. Im Rahmen des Programmes zur Ausstellung „Kunst trotz(t) Demenz“ referierte Bernd Kreh von der Stiftung Diakonie in Hessen und Nassau (Frankfurt) in der Evangelischen Johanniskirche Nassau. Die Stiftung und ihr Stiftungsfonds Diadem engagieren sich für demenzkranke Menschen und ihre Familien. Es sollen gezielt kreative Impulse für eine breite, öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz gesetzt werden.

Die für zwei Wochen in Bad Ems und Nassau gezeigte Wanderausstellung ist ein erstes Produkt dieser angestrebten Zielsetzung. Vor einem kleinen, interessierten Publikum erläuterte Bernd Kreh das Prinzip von Stiftungen und deren thumb_1a-johanniskirchektd1Überwachungsmechanismen im Vergleich zu gemeinnützigen Vereinen. Anders als bei Spenden, die direkt wieder für Projektfinanzierungen ausgegeben werden, wird bei Stiftungen ein Kapitalstock gebildet. Dieser bleibt bestehen und lediglich die Erträge (Zinsen) des Stiftungskapitals werden wieder für den Stiftungszweck ausgegeben.

Insofern machen Stiftungen, so Bernd Kreh, erst dann Sinn, wenn ein größerer Kapitalstock zur Verfügung steht: „Bei einem Zinssatz von 2 Prozent stünden bei einem Stiftungskapital von 10.000 Euro lediglich 200 Euro pro Jahr für den Zweck zur Verfügung.“ Sei der Grundstock jedoch höher, sichere eine Stiftung langfristig regelmäßige Erträge, mit denen man Gutes tun könne. Als Beispiel führte er etwa Hospitalstiftungen an, unter denen manche bis zu 1000 Jahre überdauert und alle wirtschaftlichen Kapriolen überstanden haben.

Neben dem Thema Demenz widmet sich die Stiftung Diakonie aktuell zahlreicher weiterer sozialer Themen – wie etwa der Kinderarmut, Epilepsie oder chronisch kranken Kindern. Wichtig sei aus seiner Sicht, dass Stiftungen keinen Ersatz für staatliche Pflichtaufgaben darstellen sollten, jedoch auf wichtige Themen aufmerksam machen müssten. (sh)

Mediziner-Vortrag „Leben mit Demenz“

BAD EMS. Über einen vollen Vortragssaal konnten sich Dr. Danièle Perrier (Künstlerhaus Schloß Balmoral) und Pfarrer Burkhard Ellmenreich (Demenz-Netzwerke im Rhein-Lahn-Kreis) freuen, als Privatdozent Dr. med. Andreas Fellgiebel (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie – Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz) im Rahmenprogramm der Ausstellung „Kunst trotz(t) Demenz“ referierte.

In seinem Vortrag „Leben mit Demenz: vorbeugen, diagnostizieren, behandeln“ stellte er vor allem die pflegenden Angehörigen in den Mittelpunkt. Hauptrisikofaktor sei das Alter: je höher umso häufiger trete die Erkrankung auf. Nach wie vor ist Demenz nicht heilbar, aber je nach Art und Stadium durchaus behandelbar. Einen entsprechend hohen thumb_1a-lebenmitdemenzfellgiebelStellenwert misst Dr. Fellgiebel der gründlichen und frühen Diagnostik bei. Wichtig sei es, gut behandelbare Erkrankungen wie etwa Schilddrüsenstörungen oder Gefäßerkrankungen zu erkennen – oder auch als mögliche Ursache auszuschließen. Wenn es tatsächlich zur Diagnose „Alzheimer“ kommt könne man mit einer gezielten Medikation den Verlauf abmildern und damit zu mehr Lebensqualität beitragen.

Für die Angehörigen – und oft auch die Hausärzte – entstehe nachvollziehbar der Eindruck einer ständigen Verschlechterung im Krankheitsverlauf. Dies sei auch korrekt, jedoch seien die Verläufe ohne Behandlung weitaus dramatischer. Er warnte davor, in einer solchen Situation die Behandlung wegen vermeintlicher Erfolglosigkeit abzubrechen. Als Dreh- und Angelpunkt sieht er die pflegenden Angehörigen: „Diese gilt es zu entlasten und in die Lage zu versetzen, eine Pflege vor allem im häuslichen Umfeld überhaupt leisten zu können.“

Aus einem Modellversuch der jüngsten Vergangenheit in Rheinland-Pfalz weiß er zu berichten, dass es möglich ist, mit Hilfe gut informierter und beratener Angehöriger einen Verbleib der an Demenz erkrankten Menschen in der häuslichen Umgebung um annähernd ein Jahr länger zu gewährleisten. Hier verweist Dr. Fellgiebel auf das enge Netz der Pflegestützpunkte, die über die erforderlichen Kenntnisse zu Angeboten und Möglichkeiten in der Region – etwa Schulungs- oder Selbsthilfeangebote für Angehörige – verfügen und in Verbindung mit den Hausärzten die ersten Anlaufstellen sein sollten. Eine lebhafte Diskussion mit den Gästen beschloss einen engagierten Vortragsabend. (sh)

Künstlergespräch „Über das Vergessen“

Überraschend hatten sich drei statt der erwarteten zwei Künstlerinnen zum Gespräch im Künstlerhaus Schloß Balmoral eingefunden. Neben Cornelia Rößler (Installation von Lichtkästen mit Synapsen) und Andrea Esswein (Fotografien von Fräulein Schmid und ihrer Wohnung) war noch Karin Hoerler (Kryptographien) erschienen.

thumb_1a-ktdkuenstlergespraechFür Andrea Esswein stand die Begegnung mit Fräulein Schmid im Kontext des Fotoprojektes „Ein anderer Alltag“ des Sozialdienstes katholischer Frauen und Männer, für das sie alte Menschen in Heimen – aber auch in ihrer häuslichen Umgebung – portraitiert hatte. Cornelia Rößlers Arbeiten sind charakterisiert durch ihr wissenschaftliches Interesse an den Details der Menschen – wie etwa kleiner Bereiche der Haut, die sie immer wieder in ihre Installationen einbaut, ebenso wie die medizinischen Aufnahmen von Synapsen, die der in der Ausstellung gezeigten Installation zugrunde liegen.

Karin Hoerlers Bezug zu ihren ausgestellten Werken ist sehr viel persönlicherer Natur: eine 210 x 300 cm große Kryptografie zeigt riesig groß das Gesicht ihrer Mutter im Wachkoma – kurz vor deren Tod, daneben kleiner als junge Frau in den 40er Jahren sowie in weiteren Exponaten Szenen aus ihren Kindertagen.

Für alle drei Künstlerinnen bedeuten die Arbeiten eine Auseinandersetzung mit dem Alter, den Krankheiten und Lebensumständen alter Menschen. Im moderierten Gespräch mit Dr. Danièle Perrier berichtet Cornelia Rössler, dass sie im Kontakt mit den von ihr fotografierten Menschen viel darüber erfahren hat, wie sie selbst im Alter gerne leben möchte – oder eben auch nicht. Während sie sich stark mit der Umwelt und der Wohnsituation – der „zweiten Haut“ der Menschen – beschäftigt, versucht Andrea Esswein, die inneren Zustände und Befindlichkeiten der Menschen „sichtbar“ zu machen. So beschäftigte sie sich etwa mit der Schizophrenie der ehemaligen Bibliothekarin Fräulein Schmid, die immer zwei Uhren trägt – eine für die Jetzt-Zeit und eine für die „andere Zeit“.

Für Karin Hoerler war die großformatige Kryptografie ihrer Mutter nach deren Tod eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Beziehung zur Mutter. Abschließend nach dem Ziel und Zweck ihrer Kunst befragt reichten die Antworten von einer Darstellung und Verdeutlichung bis hin zu einer Veränderung und Verbesserung der Welt und – im Kontext der Wanderausstellung - das aufmerksam machen auf die Alterserkrankung Demenz. (sh)

Foto (von links): Cornelia Rößler, Andrea Esswein, Dr. Danièle Perrier, Karin Hoerler Fotos: Stefan Hauser 

 

 

Informationen über Selbsthilfegruppen für Angehörige von Dementen finden Sie hier.

Einen Bericht über die Ausstellung und deren Eröffnung finden Sie hier.

Beratung rund ums Thema Demenz finden Sie bei den Pflegestützpunkten im Rhein-Lahn-Kreis hier.

 

Bildunterzeilen: Gesang und Texte prägten die musikalische Annäherung ans Thema Demenz während der Ausstellung im Bad Emser Künstlerhaus „Schloß Balmoral“. Auch die evangelische Johanniskirche in Nassau war in die Ausstellung „Kunst trotz(t) Demenz“ integriert, etwa mit den mit Wachs überzogenen Werke des Künstlers Bernd Brach.