Reli-Unterricht an Berufsbildenden Schulen st?rkt menschliche Kompetenz Drucken E-Mail

thumb_1industriedrehen-cmRHEIN-LAHN. (22. Juli 2011) In diesen Wochen nehmen wieder viele erfolgreiche Auszubildende ihre Prüfungszeugnisse entgegen und junge Menschen suchen einen Ausbildungsplatz. Doch gut ausgebildeter Fachkräftenachwuchs wird für die Wirtschaft in den kommenden Jahren zur Mangelware werden; gleichzeitig steigen die fachlichen Anforderungen. Das ist gerade für die Berufsbildenden Schulen (BBS) auch im Rhein-Lahn-Kreis eine große Herausforderung. Ist der Religionsunterricht an den BBS da noch zeitgemäß? Oder stiehlt er der fachlichen Lehre nicht unnötig Zeit? Fragen, die sich nicht nur die Berufsschüler, sondern auch Eltern, Lehrer und Wirtschaftsvertreter stellen.

thumb_1bbs-unterricht-fotobbs-lstMarkus Reinhold, Religionslehrer der BBS in Lahnstein, ist dieser immer häufiger gestellten Frage nachgegangen und erläutert im Folgenden, warum der Religionsunterricht auch an Berufsbildenden Schulen wichtiger denn je ist:

Kaum ein anderes Fach ist an den Berufsbildenden Schulen so umstritten wie gerade der Religionsunterricht. Fehlende Berufsbezogenheit, Schwächung der beruflichen Fachkompetenz durch „Stundenverschwendung“, „Sättigung“ durch den Religionsunterricht an den Allgemeinbildenden Schulen und der als bereits abgeschlossen empfundene Prozess der eigenen Wertorientierung und Meinungsbildung sind dabei nur die am häufigsten genannten Kritikpunkte der Schülerinnen und Schüler. In Anbetracht dessen obliegt es weitestgehend den Religionslehrerinnen und -lehrern den inneren Widerstand der Schüler durch sachlich-objektiv überzeugende Argumente aufzuheben, um einerseits gemeinsamen Unterricht überhaupt zu ermöglichen, und andererseits dessen Inhalte auch auf fruchtbaren Boden fallen zu lassen. Den Ansatzpunkt dazu liefern die Schülerinnen und Schüler nicht zuletzt durch ihre neue Situation als Arbeitnehmer.

So bestreitet fast niemand, dass der Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen der dualen Berufsausbildung eine thumb_1bbs-featurereligion-cm-wachsende Bedeutung zukommt. Ständig steigende Anforderungen rücken die persönlichen und sozialen Kompetenzen der jungen Auszubildenden immer mehr in den Mittelpunkt. Vom Einzelnen wird nicht nur bezüglich seiner fachlichen Kenntnisse und Fertigkeiten viel verlangt, ermuss seine Entscheidungen auch persönlich verantworten können. Hier leistet der Religionsunterricht einen ersten spezifischen Beitrag. Religiöse Bildung ist ein offenes Angebot einer persönlichen Vergewisserung und Orientierung, um sich in einer unübersichtlichen Welt zurechtzufinden. Gerade die Orientierung lebt doch von klaren Maßstäben und Antworten auf eine Frage nach dem Sinn dessen, was den Einzelnen und allen gemeinsam widerfährt. Der Religionsunterricht an Berufsbildenden Schulen hilft den Auszubildenden selbstbewusst und urteilsfähig zu werden und zu bleiben.

Dies ist von umso größerer Bedeutung, als sich die Auszubildenden in vielfacher Weise neu orientieren müssen. Über den Bereich der Vermittlung berufsfachlicher Kenntnisse und Fertigkeiten hinaus bedeutet der Einstieg in die Berufsausbildung eine tiefgreifende Veränderung in der gesamten Lebenssituation der jungen Menschen. Der Religionsunterricht gewinnt, durch die Berücksichtigung auch dieser Tatsache, zusätzlich an Profil. Das Fächerangebot der Berufsbildenden Schule wäre einseitig und beschränkt, wenn es keinen Religionsunterricht gäbe, in dem die Schülerinnen und Schüler erfahren könnten, dass die ganze Wirklichkeit größer ist als die sichtbare und messbare Welt und dass sich der Sinn des Lebens nicht im Produzieren und im Konsumieren erschöpft.

So werden, wie im Religionsunterricht der Allgemeinbildenden Schulen, auch an der Berufsbildenden Schule die entscheidenden Situationen und Erfahrungen des Lebens zur Sprache gebracht und aus dem christlichen Glauben gedeutet. In konfessioneller Offenheit werden Fragen jedoch im Kontext des neuen Lebensabschnitts „Ausbildung“ thematisiert. Konkrete Antworten bedürfen eines berufsbezogenen Unterrichts mit Beispielen aus der Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler.

Beispielsweise lassen sich Wert und Würde des Menschen in seiner Ebenbildlichkeit zu Gott innerhalb der Fragen des menschlichen Miteinanders, vor allem im Betrieb, behandeln. Freiheit und Verantwortung im Umgang mit der Welt, an deren Gestaltung und Entwicklung die jungen Menschen ja beruflich beteiligt sind, werden durch die Betonung der Schöpfung Gottes zur Sprache gebracht. Im alltäglichen Kontakt und Zusammensein mit Menschen anderer Nationalitäten, Kulturen und Religionen am Arbeitsplatz leistet der Religionsunterricht einen Beitrag zu mehr Verständnis und gelebter Toleranz. Aus diesem Grund leitet er ebenfalls zu aufgeklärtem und kritischem Verhalten an, auch dem eigenen Glauben und Weltbild gegenüber und stellt sich somit besonders gegen religiöse Intoleranz und Fundamentalismus, was, gerade in heutiger Zeit, in zunehmendem Maße notwendig erscheint. Schließlich ist noch ausdrücklich auf die konkrete Lebensbegleitung in Krisenerfahrungen der Schülerinnen und Schüler hinzuweisen, wenn eine grundsätzliche Gesprächsbereitschaft im Religionsunterricht die Möglichkeit zur Hilfe aus christlicher Sicht eröffnet.

Resümierend ergibt sich so ein Bild, das einerseits nicht nur die Unbegründetheit der von den Auszubildenden immer aufs Neue geäußerten Kritikpunkte erkennen lässt, sondern andererseits darüber hinaus gerade diese vermeintlichen „Defizite“ als Schwerpunkte des Religionsunterrichts an den Berufsbildenden Schulen zeigt. Insbesondere seine komplexe Berufsbezogenheit, sein Beitrag zur Stärkung der „menschlichen Kompetenz“ als wesentlichen Bestandteil des Berufslebens, seine Berücksichtigung der veränderten Lebenssituation der jungen Menschen in der Ausbildung inklusive der Hilfe zur Bewältigung der damit verbundenen existentiellen Probleme sowie seine Funktion als Prüfstein der eigenen Überzeugung verleihen ihm also seine Berechtigung und attestieren seine Notwendigkeit. Auf christlichem Fundament erschließt sich ein anderer, eigener Zugang zur Welt, näher hin zur Arbeitswelt, der durch keinen anderen Zugang zur Wirklichkeit ersetzt werden kann. Darum: Religionsunterricht an den Berufsbildenden Schulen!

Markus Reinhold

Aus: Schulinfos 2011 der BBS Lahnstein/Foto rechts oben: BBS Lahnstein