Sankt-Peter-Gemeinde verabschiedet den letzten Zivi Drucken E-Mail

thumb_1a-lastzivichristianlotz2ALTENDIEZ/RHEIN-LAHN. (29.Juli 2011) In der evangelischen Kirchengemeinde St. Peter zu Diez endet eine Ära: in dieser Woche verabschiedet sich dort mit Christian Lotz aus Heistenbach der letzte Zivildienstleistende. Vor 20 Jahren bot die Kirchengemeinde erstmals eine „Zivi“-Stelle an, die bei jungen Wehrdienstverweigerern immer beliebt war. „Es macht uns schon sehr traurig, dass damit ein Zusatzangebot in unserer Gemeinde nicht mehr weiter existieren kann“, sagt Gemeindepfarrer Adi Tremper.

Vor allem um Angehörige von Menschen mit einer Behinderung zu entlasten und die Pflege in der häuslichen Umgebung zu übernehmen, wurde die Stelle am 1. April 1991 eingerichtet. Wenig später wurde der Zivi dann als „männliches Pendant“ zu den Erzieherinnen in den drei Kindertagesstätten der Kirchengemeinde eingesetzt. „Damals gab es überhaupt keine Männer, die den Beruf des Erziehers ausübten, und es erschien uns wichtig, dass die Kinder auch mal einen Mann als Betreuer – pädagogisch durften Zivis ja nicht eingesetzt werden – an die Seite bekommen“, erinnert sich Tremper. Gerade in den Krippen-Gruppen habe sich der Zivi als Betreuer zur guten und wichtigen Hilfe fürs Team entwickelt.

Als Religionslehrer im Gymnasium oder auch per Mund-zu-Mund-Propaganda fand der Pfarrer immer genügend Interessenten, um die zwei Stellen zu besetzen. Auch als Fahrer für den Transport der behinderten Kinder in die Kindergärten wurden sie eingesetzt. Schon 1995 übernahmen die jungen Männer auch die Auslieferung von „Essen auf Rädern“, das die Gemeinde jeden Mittag an Menschen in den Ortschaften auslieferte, die sich selbst keine Mahlzeiten mehr zubereiten konnten.

Von diesem Angebot trennt sich die Gemeinde Ende Juli; die Sozialstation übernimmt dann die Aufgabe. (Mehr dazu finden Sie hier.) „Das ist schon sehr schade, so etwas als Kirchengemeinde nicht mehr anbieten zu können“, sind Tremper und Gemeindesekretärin Jutta Reitz traurig über die gesetzliche Entwicklung. „Wobei uns bewusst ist, dass da andere Einrichtungen wie Krankenhäuser und Altenheime noch viel mehr darunter zu leiden haben.“ Das sei ein großer Einschnitt in die soziale Arbeit freier Träger.

Wenig Hoffnung hat der Theologe, dass der Bundesfreiwilligendienst die entstandene schmerzliche Lücke schließen könnte. Tremper: „Wir haben viel Werbung gemacht, aber noch keine einzige Bewerbung erhalten; bei der Bundeswehr sieht es ja mit Freiwilligen nicht besser aus.“ Es sei eine Illusion zu glauben, dass jemand aus purer Nächstenliebe kostbare Ausbildungszeit opfert. Den Amtskollegen Daniel Cremers verwundert das ebenso wenig: „Die Ausbildungs-Anforderungen werden immer höher, da verzichtet keiner gern freiwillig auf ein halbes Jahr zugunsten des Wehr- oder Zivildienstes.“ Da scheinen die mehr als 500 Euro monatlicher Sold ebenfalls kein Anreiz.

Christian Lotz hingegen möchte die sechs Monate in der St.-Peter-Gemeinde auf keinen Fall missen. „Die Arbeit mit den Kindern und mit alten Menschen hat meinen sozialen Horizont sehr erweitert. Davon nehme ich viel fürs ganze Leben mit“, erzählt der 23-Jährige. Die Dankbarkeit der Leute, denen er das Essen gebracht hat, und zu spüren, dass er Kindern zur Bezugsperson und zum Vorbild wird, haben ihn sehr beeindruckt. Ebenso die Tatsache, dass eine Kirchengemeinde überhaupt so viel macht. „Das hätte ich nicht gedacht. Ich hatte bis dahin gar nicht wahrgenommen, dass Kirche so viel für die Menschen tut, die hier leben.“ Auch die 14-tägige Jugendfreizeit als Betreuer in Korfu ist ihm in guter Erinnerung geblieben. Heute tritt er seine letzte Essens-Tour an. Im Wintersemester beginnt er ein Studium der Wirtschaftspädagogik fürs Lehramt.

Die evangelische Kirchengemeinde denkt derweil nach, ob der Wegfall der Zivi-Stellen vielleicht durch 400-Euro-Kräfte ausgeglichen werden kann. „Vielleicht klappt es im nächsten Frühjahr ja doch noch mal mit einem freiwilligen Zivi, mal schauen“, hat Adi Tremper die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Bernd-Christoph Matern

thumb_1a-lastzivichristianlotzlenktLenkt in dieser Woche zum letzten Mal den St.-Peter-Bus als letzter Zivildienstleistender der evangelischen Kirchengemeinde: Christian Lotz aus Heistenbach. Fotos: Matern