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RHEIN-LAHN. (14.Januar 2011) Mehr denn je brauche es Menschen, die ehrenamtlich Verantwortung übernehmen, sagte der Landrat des Rhein-Lahn-Kreises Günter Kern zum Neujahrsempfang im Kreishaus, zu dem auch die Vertreter der drei evangelischen Rhein-Lahn-Dekanate eingeladen waren. Dabei würdigte Kern das Engagement ehrenamtlicher Kräfte in den Kommunen sowie auch in Kirchengemeinden und caritativen Einrichtungen. Er hatte unter anderen alle in den vergangenen zwei Jahren von Bund, Land oder Kreis mit einer Auszeichnung bedachten ehrenamtlichen Bürger eingeladen.
So stand das Thema „Ehrenamt“ im Mittelpunkt der traditionellen Ansprache des Landrates, der Kritisches nicht aussparte. Zwar machten eine hervorragende Arbeitslosenquote, die weitgehend intakte Natur und Umwelt oder die guten Lebensbedingungen in den Städten und Gemeinden den Rhein-Lahn-Kreis zu einem attraktiven Lebensumfeld, doch dürften negative Aspekte nicht verschwiegen werden: Die hohe Verschuldung auf allen Ebenen von den Gemeinden über den Kreis bis hin zu Land und Bund sei nur einer davon.
Ein anderer die demografische Entwicklung, die Sorgen bereite: immer weniger Kinder werden geboren, die jungen, gut ausgebildeten Menschen ziehen weg, ganze Ortskerne verwaisen. Kern: „Welche Auswirkungen diese Entwicklung in bereits naher Zukunft haben wird, lässt sich unschwer vorhersagen: Schulen und Kindergärten, die wir heute noch – vom Geld, das wir nicht haben – bauen, werden nicht mehr gebraucht, Häuser stehen leer, ganze Ortskerne verwaisen.“
Auch die Tatsache, dass es immer mehr zerrüttete Familienverhältnisse gibt, unter denen besonders die Kinder zu leiden haben, zeige einen sehr bedenklichen Zustand unserer heutigen Gesellschaft. „Wussten Sie“, so Kern wörtlich, „dass sich derzeit 133 Kinder aus dem Rhein-Lahn-Kreis in der Obhut von Pflegeeltern befinden? Eine erschreckende Zahl, wie ich finde! 133 Mädchen und Jungen, Kinder und Jugendliche wuchsen in solch desolaten, ja katastrophalen familiären Verhältnissen auf, dass kein anderer Weg blieb, als sie von ihren richtigen Eltern zu trennen und zumindest zeitweise und zu ihrem eigenen Wohl außerhalb ihrer richtigen Familien aufwachsen zu lassen.“ Allein diese Zahl verdeutliche, vor welch gewaltiger Herausforderung die Gesellschaft stehe, die aber auch jeden Einzelnen, dem das Schicksal der jungen Menschen nicht gleichgültig ist, angeht. „Und die uns alle – geht es doch um die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft – vor eine ganz besondere Verantwortung stellt.“
"Verantwortung" zu übernehmen und die Folgen zu tragen, auch dann wenn es kritisch wird, dazu seien oftmals die so genannten „Verantwortlichen“ immer weniger bereit. Als eines vieler Beispiele nannte Kern die weltweite Banken- und Finanzkrise, bei der Milliarden Verluste gemacht wurden, ohne dass jemand dafür gerade stehe und die Verantwortung übernehme. Dennoch sei es gerade im Rhein-Lahn-Kreis bewundernswert, wie viele Menschen sich einer guten Sache verschreiben, sich engagieren und damit also wirkliche Verantwortung übernehmen – und das unentgeltlich und oftmals Jahrzehnte lang.
 „Wir hier im Rhein-Lahn-Kreis können stolz darauf sein, dass es so viele Frauen und Männer gibt, die sich engagieren, die aktiv zupacken: in unseren 137 Gemeinden und Städten, die von ehrenamtlichen Orts- oder Stadtbürgermeistern geführt werden, in den Gemeinderäten und -ausschüssen, in den Kirchen und caritativen Einrichtung und vor allem in den vielen Vereinen.“ Diesen Männern und Frauen sei zu danken, dass sie Verantwortung übernahmen, oftmals jahrzehntelang, und sich nicht davon gestohlen haben, wenn etwas schief lief. Sein, von Applaus unterbrochener Dank an die Ehrenamtler mündete in ein Bekenntnis zu einem neuen Verhältnis zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen: „Ohne Ihr Engagement, ohne Ihren – oftmals nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtigen – Einsatz könnte unsere Gesellschaft nicht bestehen.“ Und es stehe zu erwarten, dass Hauptamtliche zum allergrößten Teil zukünftig immer mehr mit ehrenamtlich aktiven Bürgern zu tun hätten, ja auf ihr Engagement gar nicht mehr verzichten könnten.
Eine Konsequenz daraus ist, so Kern, die im Rhein-Lahn-Kreis schon sehr weit vorangetriebene Professionalisierung des Ehrenamtes – sei es im Sport, bei den Hilfsorganisationen oder auch in der Seniorenarbeit. Kern erinnert an das Seniorenbüro „Die Brücke“, die etwa in Form der Initiative 55 plus-minus des evangelischen Dekanats St. Goarshausen Nachahmung gefunden habe. „Ihnen allen ist gemeinsam, dass hier staatliche oder zumindest gesellschaftliche Aufgaben nicht oder nicht mehr von hauptamtlichen Kräften bewältigt werden können. Und wir können deshalb froh sein, dass es Menschen in unserem Kreis gibt, die sich diesen Aufgaben stellen und Verantwortung übernehmen.“ Deshalb werde das Ehrenamt nicht mehr nur als „Lückenfüller“ wahrgenommen werden können, sondern es werde zum gleichberechtigten Partner für alle, die von Berufs wegen an der Aufrechterhaltung, der Gestaltung und Weiterentwicklung der Gesellschaft arbeiten. Mehr noch müssten „Hauptamtliche“ lernen, sich an den „Ehrenamtlichen“ ein Beispiel zu nehmen als „Vorbilder“ für die eigene Arbeit.
Eine Rede, die unter anderem auch an die anwesenden ehrenamtlichen Vorsitzenden der evangelischen Dekanate Anja Gemmer (St. Goarshausen) und Dr. Frank Zimmerschied (Nassau) oder den Sprecher des Arbeitskreises Mabira Berthold Krebs (Geisig) gerichtet war, die zusammen mit den Dekanen Friedrich Kappesser (Nassau) und Mathias Moos (St. Goarshausen) und Prodekan Adi Tremper (Diez) an dem Neujahrsempfang teilnahmen. Auch die Referentin für Bildung Claire Metzmacher und ihr Ehemann Matthias Metzmacher, Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung der evangelischen Kirche Rhein-Lahn, nutzten den Jahresempfang für den Austausch mit ehren- und hauptamtlichen Vertretern aus dem gesamten Kreisgebiet.
Bildunterzeile:
Landrat Günter Kern und seine Frau Christel fanden Zeit, mit jedem Gast zur Begrüßung einige persönliche Worte zu wechseln, so unter anderem mit Prodenkan Adi Tremper (Dekanat Diez) und Berthold Krebs, Sprecher des Arbeitskreises Mabira (Foto oben links), Präses Anja Gemmer und Präses Dr. Frank Zimmerschied (Foto links) sowie Dekan Friedrich Kappesser (Foto rechts). Fotos: Matern
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