Zum Volkstrauertag 2011 Drucken E-Mail

thumb_1die_erdeHerr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung. Gib uns den Mut und die Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz den Namen Mensch tragen.

Gebet der Vereinten Nationen

RHEIN-LAHN. (13. November 2011) Am heutigen Volkstrauertag wird der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht, nicht nur derer der beiden Weltkriege. Wikipedia weist aktuell immerhin 32 Kriege und bewaffnete Konflikte auf der Erde thumb_1a-gedenk-kreuz-klingelbach_20111aus, in denen Streitkräfte staatlicher Regierungen zum Töten angehalten werden oder selbst umkommen. Eine Perspektive auf Tote und schuldig gewordene Täter von Krieg und Gewalt erschließt jetzt in Klingelbach ein Kreuz. Es wird heute eingeweiht.

Hier die Worte, die Gemeindepfarrer Jürgen Wieczorek dazu fand und die nicht nur in Klingelbach Gültigkeit haben:

"Jesus sah seine Mutter an, die unter dem Kreuz stand, und den Jünger, den er lieb hatte..." Mit diesen Worten aus der Passionsgeschichte des Johannesevangeliums weihte Pfarrer Künkel am Volkstrauertag 1954 an dieser Stätte das „Gedenkkreuz“ ein. Im Jahre 2004 wurde es entfernt, weil es marode geworden war und Menschen gefährdend umzufallen drohte. Seit dem standen Sockel und Randmauer verwaist.

Im Juli 2010 stellte Herr Willi Gemmer, Ex-Bürgermeister und mit 90 Lebensjahren der älteste männliche Bürger Klingelbachs, den Antrag an die Kirchengemeinde, das gefallene Kreuz wieder neu aufzurichten. Nach Beratung und Beschluss, Planung und Ausführung steht es nun hier und hat uns etwas zu sagen. Wie sich die Zeiten nach 1954 und damit die Lebensumstände und prägendes Denken weiterentwickelt haben, so ersetzt das neue Kreuz nicht einfach das alte, sonders es führt seinen Zweck weiterentwickelt in neue Zeiten und Zukunft fort.

Stand das alte Kreuz noch in seiner existentiell spürbaren Nähe für das „Gedenken an die Gefallenen“ der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, so weiten wir mit dem neuen Kreuz auf diesem unvergessenen Hintergrund den Horizont zur Mahnung für den Frieden und angesichts des Gekreuzigten und Auferstandenen zu beten und sich dafür zu engagieren: „Christus ist unser Friede, selig sind, die in seinem Namen Frieden machen!“

Pfarrer Künkel weihte das Kreuz 1954 mit den zunächst seltsam erscheinenden Worten ein: Jesus sah seine Mutter an, die unter dem Kreuz stand, und den Jünger, den er lieb hatte. In dieser Szene der Passionsgeschichte ist der weite Horizont der Gewalt und des Friedens zusammen gehalten: Das Kreuz steht für Jesus Christus. ER, der Mensch gewordene Gott litt unsäglich unter menschlicher Gewalt, Folter und menschenverachtender Brutalität. ER starb für uns am Kreuz.

Aber das Kreuz ist für Christen kein Folterinstrument und Todeszeichen mehr. Wir schmücken unsere Gräber mit Kreuzen, weil es durch die Auferstehung Jesu zum Lebenssymbol geworden ist: Die Macht des Todes ist gebrochen. ER, Jesus Christus, der als gekreuzigter unter Gewalt litt und starb, aber gerade als solcher die Gewalt des Todes überwand; ER, Jesus Christus, ist unser Leben; er ist unser Frieden!

Unter dem Kreuz stehen eine Mutter und ein Sohn. Welche Mutter hat jemals gerne ihren Sohn in den Krieg ziehen lassen? Welcher Sohn hätte nicht jederzeit eine friedliche Lebensentfaltung vorgezogen? Also: wer steht hinter den Kriegen und wer wehrt ihrer?

Es ist wichtig, so wichtig, sich an das sinnlose Sterben dieser Männer, Söhne auch unseres Ortes und unserer Region zu erinnern. Ebenso wichtig ist es aber auch, der unzähligen Mütter aus Vergangenheit und (!) - Gegenwart zu gedenken, die im Krieg Schlimmes erfahren haben und erfahren, oder selber den Krieg nicht überlebt haben - auch hier bei uns. Wir lernen menschlicher und friedlicher zu leben, wenn wir uns ihre Leiden bewusst machen und vergegenwärtigen: Mütter, Töchter, hilflose Unbeteiligte, Mahner für den Frieden, ja auch Deserteure, welche die Unmenschlichkeit und Barbarei verweigerten, unbekannt und ungenannt, aber von irgendjemandem geliebt und unvergessen. Zu Hause oder auf der Flucht, vertrieben oder vergewaltigt, verfolgt wegen des Glaubens, angeblich ungehöriger Gedanken oder der Religionszugehörigkeit, im Rassenwahn gefoltert und systematisch liquidiert, im Bombenhagel oder Feuersturm umgekommen... damals bei uns und durch uns, heute in den Kriegen und Bürgerkriegen dieser Welt, in Zukunft hoffentlich nie wieder!!!

Millionen Tote mahnen uns zum Frieden in der Welt, zu Verständigung und Versöhnung unter den Völkern. Nie wieder Krieg, ER, Jesus Christus, ist unser Friede! Dafür steht stumm, aber sehr beredt dieses Kreuz.

Pfarrer Jürgen Wieczorek